Ein Artikel von Hanno Rauterberg aus dem Jahre 2015 - aber absolut aktuell!

Politische Kunst: In den Fallen der Freiheit

https://www.zeit.de/2015/27/politik-kunst-zentrum-fuer-politische-schoenheit/komplettansicht

 

 

Ach wie schön, mal etwas Kritisches:

Es lebe der Verriss!

Christian Saehrendt

https://www.nzz.ch/feuilleton/kunst-und-ihre-kritik-es-lebe-der-verriss-ld.1460745

 

 

"Literatur muss gar nichts" ... und Kunst muss auch nichts!

 

Lesenswert auch in Hinblick auf die Parallelen zur aktuellen Situation in der Bildenden Kunst ist der ZEIT-Artikel Literatur muss gar nichts von Miriam Zeh:

https://www.zeit.de/kultur/literatur/2019-03/leipziger-buchmesse-gegenwartsliteratur-diskurs-buch-der-stunde-zeitgeist-fiktion

 

 

 

 

Das Schweigen der Künstler 

 

Der Diskurs um die aktuelle politische bzw. politisch korrekte Kunst, die Kunst der großen moralischen Belehrung ist voll im Gange. Getragen wird diese teilweise deutlich kritische Auseinandersetzung von den Übervätern und Übermüttern des Feuilletons (u.a. Hanno Rauterberg, Wolfgang Ullrich, Sabine B. Vogel, Larissa Kikol).

Larissa Kikol z. B. plädiert statt für eine Einteilung in Kunst oder Nicht-Kunst, für die Verwendung des Terminus „Kulturwerkzeuge“:

"Kunstwerke sehen zwar besser aus, aber Kulturwerkzeuge können mehr." (Kunstzeitung, Ausg. Juli)

Das provoziert natürlich die Bemerkung: Kunst will das vielleicht gar nicht können, was Kulturwerkzeuge können.

... und nochmals Larrissa Kikol: „Kulturwerkzeuge richten sich nicht an ein Kunstpublikum.“ (https://www.kunstforum.de/artikel/loslassen/).

Letzteres mag für die Aktionen des Zentrums für politische Schönheit gelten, aber die künstlerisch verpackten Präsentationen der richtigen Gesinnung sind auch Teil des lukrativen, gehobenen Kunstmarktes. Als Beispiel sei genannt: "Freiheit kann man nicht simulieren" von Rirkrit Tiravanija, zu sehen auf der letzten Art Basel. Ein Werk bestehend aus der saloppen Aneignung eines Zitats eines anderen Künstlers (Stanislaw Jerzy Lec, polnisch-jüdischer Autor) in Kombination mit der Verwurstung (im wörtlichen Sinn) eines der Standardfeindbilder der Anständigen (Thilo Sarrazin). Ein Werk für Kunstkonsumenten mit drei Händen: zwei zum Beifallklatschen und eine um sich lobend auf die eigene Schulter zu klopfen. Übrigens: "Literaturwürste" hat Dieter Roth schon vor über 50 Jahren ausgestellt.

Schiebt sich zwischen die Reibung des Individuums mit der selbst wahrgenommenen Welt mehr und mehr medial Vorverdautes?

Erleben wir zur Zeit die Abschaffung der Zweckfreiheit, der Mehrdeutigkeit (das Wort Polyvalenz scheint verschollen), des Rätselhaften und des - verbal - Unsagbaren in der Kunst?

Gibt es gar eine akzeptierte Wiedergeburt der Propaganda in der bzw. durch die Kunst - natürlich im Dienst einer moralisch einwandfreien Gesinnung?

Und die Künstler schweigen, als ginge sie das alles nichts an.

Sind Künstler/innen diskursunfähig?

Natürlich gibt es auch Künstler, die nicht schweigen, aber besser schweigen sollten, wie ein bodenlos dümmliches Interview mit dem Markus Lüpertz unter dem Titel „Über Gott steht noch der Künstler“ (chrismon/07.2018) zeigt. Nein, ein Künstler muss nicht Theologie oder Philosophie studiert haben und sich nicht mit der "creatio ex nihilo" beschäftigen, aber angesichts dieses Plump-Tumb-Levels fragt man sich schon: Wer treibt hier eigentlich wen vor sich her, der Künstlerclown die pointenlüsterne Gesellschaft oder die Gesellschaft ihr Künstlermaskottchen?

 

 

Leseempfehlung:

"So viel schechte Kunst! Aber woran soll man sie erkennen!"

von Christian Saehrendt

Neue Züricher Zeitung, 10.6.2018

https://www.nzz.ch/feuilleton/so-viel-schlechte-kunst-ld.1392254

 

 

"Frauen malen nicht so gut. Das ist ein Fakt."

 

Offensichtlich brauchen Herr Baselitz, sein Ego und sein Testosteronspiegel solche einschlägigen Sprüche für ihr Wohlbefinden.
Nicht jeder Künstler ist ein Intellektueller. Auch ein Fakt!
Ein Künstler muss sicher keinen Begriff von einer historisch kritischen Betrachtungsweise haben um gute Kunst zu machen ... aber dann sollte er öfter mal den Mund halten.

 

Im Durchschnitt malen Frauen so schlecht wie Männer und leider tun dies viel zu viele beiderlei Geschlechts (und natürlich auch die Vertreter weiterer Geschlechter).

 

 

Ach ja, die Gut-gemeint-Kunst!

 

Nichts gegen thematische Ausstellungen, nichts gegen kuratierte Ausstellungen, aber sind Künstler eine derart geistig bedürftige Spezies, dass man ihnen permanent Mottos und Themen vorgeben muss, damit sie richtig - also zeitgeistgemäß, affirmativ, politisch korrekt und sozialtherapeutisch - in die Gänge kommen?

 

Hier zur moralischen Erbauung einige real existierende Mottos (Motten wäre ein schönerer Plural!) von Ausschreibungen für Ausstellungen, Kunstpreise und Stipendien. (Das in dieser Hinsicht sicher auch ertragreiche Feld der thematischen Vorgaben für Kunst am Bau und Kunst im öffentlichen Raum sei hier mal unbeackert.) :

 

- Integration – Begegnungen mit Fremden

- Kunstpreis für Toleranz und Demokratie

- Kunst, die ein Zeichen für Inklusion setzt

- Gestaltung der Zukunft. Wie wollen wir leben, lieben und arbeiten?

- Kunstpreis Europas Zukunft

- Kunst, Zukunft und Nachhaltigkeit

- Weit.Sicht. – Zukunftsstrategien für eine nachhaltige Entwicklung

- Demokratie und Macht: künstlerische Auseinandersetzung mit Gegenwart

- Stadt und Umwelt - Umwelt und Stadt

- Freiheit

- GELD | MACHT | ZUKUNFT

- Kunst trifft Gesundheit

- Kunst trotz(t) Armut

- Kunst trotz(t) Demenz

- Feminismus heute – ja bitte!!

und auch mal was Beschauliches für Regionlpatrioten:

- Täler, Trauben, Trulli

- Sonne-Sand-Silvaner

- Unterwegs im Land der Ritter und Reben

 

Hanno Rauterberg prägte den Begriff der Selbstentfremdung, einer Erfahrung, der sich der Betrachter von Kunst aussetzen sollte.

http://www.zeit.de/2017/52/sexismus-kunst-zensur-meetoo/komplettansicht

Leider reicht es oft nur bis zur Selbstsublimierung und hierfür lassen sich Künstler oft allzu bereitwillig dienstbar machen.

 

"Die Kultur ist zur Magd der Politik geworden." So formuliert es Simon Strauß in seinem Artikel "Künstler, emanzipiert euch!".

http://plus.faz.net/feuilleton/2017-12-16/kuenstler-emanzipiert-euch/92627.html

 

Es wird Zeit, dass sich die Künstler freischaufeln von den Zumutungen, Vorgaben und Erwartungen der Gesellschaft bzw. des Publikums.

Schon vor Jahren forderte der Künstler Diego Castro: die Künstler sollen die Diskurshoheit wiedererringen.

Inzwischen habe ich Zweifel, ob die Künstler (zumindest die große Mehrheit) überhaupt dazu willens und fähig sind.

 

 

Das brauchen wir eigentlich nicht:

 

Die wenigen Zeitungen, die noch mit einem verhältnismäßig qualitätvollen Feuilleton aufwarten können, mischen dummplump in der Kunstvermarktung mit.

 

FAZ Selection bittet typische Marktkunst an:

prominenter Name, erwartbare Optik, dezent dekorativ und wohnzimmerkompatibel, aufgewertet durch allerhöchsten Verbaltiefsinn in der Produkt-Information, Auflage und Format vermarktungspraktikabel, gut sichtbare Signatur, Preislage im fetten 4-stelligen Bereich

... also als statushebende Raumausstattung ganz nett, als Kunst überflüssig

 

Direkter Link zu der peinlichen Kompetenzüberschreitung:

https://shop.faz.net/Selection/Kunst/Guenther-Uecker-Friedensgebote-Blatt-9.html

(Es handelt sich hierbei nicht um eine Anzeige eines Kunstvermarkters!)

 

DIE ZEIT macht’s keineswegs besser, im Gegenteil:

Was da im ZEIT-SHOP z.B. unter Kunst > Skulpturen angeboten wird, ist dermaßen kitschlastig, dass sich jeder Kommentar erübrigt.

Wer's nicht glaubt:

http://shop.zeit.de/sortiment/kunst/skulpturen/

 

 

..... übrigens ... 

 

Bezüglich der öffentlichen Ausgaben für Kultur je Einwohner befindet sich Rheinland-Pfalz im Vergleich aller Bundesländer auf dem letzten Platz

Kulturfinanzbericht 2016 (PDF hier)

 


 

Das habe ich mich auch schon gefragt:

Warum kaufen viele lieber eine Variante eines Werktyps als ein wirkliches Unikat?
Wolfgang Ullrich in seinem Zeit-Artikel (Ausgabe 14/2017) Das Gesetz der Serie

 
Immer interessant:  
der Blog von Wolfgang Ullrich https://ideenfreiheit.wordpress.com/


Weitere Artikel ... unbedingt lesenswert:

 

Ist das für mich oder kann das weg?

von KOLJA REICHERT

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst/superkunstjahr-2017/kunstjahr-2017-so-viel-geld-so-viel-hass-15344392.html

 

Ein tiefsitzendes Unbehagen an der Kunst

von KOLJA REICHERT

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst/superkunstjahr-2017/unbehagen-an-der-kunst-documenta-in-kassel-15052732.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2 

 

Es lebe die Kunst! Nur welche? Und warum?

von KOLJA REICHERT

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst/plaedoyer-fuer-einen-aesthetischen-streit-in-der-kunst-15004578.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

 

Verkauft uns nicht für dumm!
von CHRISTINE LEMKE-MATWEY
http://www.zeit.de/2017/02/kunst-politik-krisen-aesthetik-politisierung

 

Im Kugelhagel der Realität
von HANNO RAUTERBERG
http://www.zeit.de/2017/03/politische-kunst-populismus-krisen-kuenstler-agitation-politisierung/komplettansicht

 

Seltsam harmlos
von THOMAS E. SCHMIDT
http://www.zeit.de/2016/44/uncertain-states-ausstellung-berlin-kulturpolitik

 

Der Wahnsinn des Betriebs
von WOLFGANG ULLRICH 
http://www.zeit.de/2015/43/michel-houellebecq-karte-und-gebiet-literaturkanon

 

Das Erdbeben der Schönheit 
von WOLFGANG ULLRICH
http://www.zeit.de/2015/48/philipp-ruch-kunst-politik-manifest-antimodernismus/komplettansicht

 

Unser drittes Auge
von HANNO RAUTERBERG
http://www.zeit.de/2015/46/fotografie-smartphone-kunst-selfies-museen/komplettansicht

 

Vielleicht gibt es einfach zu viele Museen
Christina Lange, Direktorin der Staatsgalerie Stuttgart, im Gespräch mit JULIA VOSS
http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst/ein-gespraech-mit-christiane-lange

 

Strukturwandel des Kunstbetriebs 
von CHRIS DERCON
http://www.zeit.de/2015/37/kunstmarkt-sammler-privatmuseum/komplettansicht 

 

Das große Dingdingding 

Das ist die neue Kunstigkeit

Schieb’s dir in den Hintern
von WOLFGANG ULLRICH
http://www.zeit.de/2015/31/auftraggeber-kuenstler-auftragskunst-einfluss-markt

 

Kunst kann das Nichts

von ULRIKE DRAESNER
http://www.zeit.de/freitext/2015/08/13/kunst-relevanzdiktat-draesner/

 

Wie korrupt ist die Kunst?

von HANNO RAUTERBERG
- ein Vorabdruck der Zeit vom 28.05.2015
Sein Buch „Die Kunst und das gute Leben - Über Ethik der Ästhetik“ erschien am 7. Juni 2015 (Edition Suhrkamp).

 

Wenn Marx zum Künstler wird 

von HANNO RAUTERBERG
http://www.zeit.de/2015/20/biennale-venedig-zukuenfte-der-welt

 

Stoppt die Banalisierung!
von WOLFGANG ULLRICH
http://www.zeit.de/2015/13/kunst-vermittlung-museum

 

Welch schmeichelnde Macht
von HANNO RAUTERBERG 
http://www.zeit.de/2014/44/frank-gehry-architektur-museum-bernard-arnault

 

Schafft die Kunst ab!

von GEORG SEEßLEN
http://www.taz.de/1/archiv


 

Wie man ein Kunstwerk teuer macht
von JULIA VOSS
www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst/wie-man-ein-kunstwerk-teuer-macht

 

Die Ohnmacht der Parolenpinsler

von HANNO RAUTERBERG
http://www.zeit.de/2012/19/Berlin-Biennale

 

Das fiese Geld

von KOLJA REICHERT
www.zeit.de/2013/49/kunstmarkt-strukturvergleich-deutsch-international

 

Kunst soll verbinden, nicht gekauft werden
Ein Interview mit Chris Dercon, dem (damaligen) Leiter der Tate Modern in London
www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst/tate-modern-kunst-soll-verbinden-nicht-gekauft-werden-12741326.html

 




 

 

Über die artgerechte Haltung von Künstlern 

Ein Vortrag, der das ausspricht, was Sie schon immer denken wollten,
aber sich nicht trauten.





Er enthält hoch differenzierte Analysen:

Wir haben eine Künstlerüberpopulation!
 

... mahnt zu zeitgemäßer Verantwortung:

Nicht zu unterschätzen ist das Problem des ungeheuren Ressourcenverbrauchs
durch Künstler, z. B. an Öl für Farben, an Wäldern für Papier und Keilrahmen und
an Mardern für die Pinsel.


... besticht durch die sensible Einfühlung in das Künstlerwesen:

Der Künstler an sich ist zur Mast geeignet und ist auch bereit, eckige Eier zu legen,
selbst wenn es weh tut.
Er ist Einzelgänger und sehr futterneidisch.
Aggressives Verhalten gegenüber Artgenossen ist üblich, bis hin zu gelegentlichen
Fällen von Kannibalismus.


... bietet eine sachgerechte Klassifizierung von Künstlern, z.B.:

der Schoß- und Familienkünstler (meist weiblich)
der gemeine gemeindeeigene Haus- und Hofkünstler
der professionelle Wind- oder Blähkünstler
der Wut- und Kampfkünstler

... und eine Auswahl geeigneter Haltungsformen, z.B.:

die investitionsfreudige Gatterhaltung
die temporäre Schachtelhaltung
die syndikatierte Großkünstlermast


... widmet sich fälligen Würdigungen:

„Kunst machen“ kann man bekanntlich lernen - schließlich gibt es Kunsthochschulen –
„Galeristieren“ nicht! Dazu gehört ein unfehlbarer wie genialer Instinkt und zusätzlich
eine jahrelange Erfahrung z. B. als Immobilienmakler, Frisör oder Arztgattin.


... gibt Empfehlungen für die Politik:

Für die Provinz ist die Kombination aus kontrollierter Freilandhaltung und Distanzhaltung
übrigens besonders geeignet, denn für die gelegentlichen Repräsentationszwecke ist der
kurzfristige Import von offiziell gestempelten Markenkünstlern auf jeden Fall der
mühsamen Aufzucht heimischer Exemplare vorzuziehen.


... und Tipps für den Künstlerliebhaber:

Bitte halten Sie sich zurück mit Selbstbezichtigungen, wie „ich male auch“ oder
„ich fotografiere auch“. Sie führen bei Künstlern erfahrungsgemäß zu akuter Atemnot und
Durchfall.


Falls Sie Interesse haben, dieser Vortrag ist zu buchen.

Je nach Zusammensetzung des Publikums bitte ich jedoch um Personenschutz.

© Uta Grün 2012